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18.12.17 | FAS, Öffentlich, Aktuelles

Kolloquium an der FHWS mit fünf Plädoyers für eine evidenzbasierte Soziale Arbeit

Im Studium der angehenden Sozialarbeiter solle das empirisch-wissenschaftliche Arbeiten berücksichtigt werden

(von li.:) Professor Dr. Christian Ghanem, Professor Dr. Bruce Thyer, Professor Dr. Christoph Bördlein, Professor Dr. Sigrid James, Professor Dr. Mathias Blanz und Isabel Hofmann (Foto FHWS / Christoph Bördlein)

Die Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt lud ein zum Kolloquium „Evidence-based practice in social work“ („Evidenzbasierte Praxis in der Sozialarbeit“): Evidenzbasiertes Arbeiten bedeutet, sich im professionellen Handeln immer auf das aktuellste, wissenschaftlich fundierte Wissen zu beziehen. Wer evidenzbasiert arbeiten will, muss wissen, was der Stand der Forschung in seinem Fachgebiet ist und wie er diese Forschungsergebnisse auf den jeweiligen individuellen Fall übertragen kann. Die Forderung nach der Evidenzbasierung ist in der Medizin und der Psychologie mittlerweile selbstverständlich, wenn auch noch nicht immer in jedem Fall realisiert. Professor Dr. Christoph Bördlein, Mit-Initiator des Kolloquiums: „Wir erwarten von unserer Ärztin oder unserem Psychologen, dass er nicht nur die Methoden an uns versucht, die er zufälligerweise gerade kennt oder intuitiv gut findet. Der Fachmann und die Fachfrau sollen uns die bestmögliche, wissenschaftlich fundierte Hilfe geben.“

In der deutschen Sozialen Arbeit sei diese Forderung, so Christian Ghanem von der Katholischen Stiftungshochschule München, der im Rahmen des Kolloquiums vor rund zweihundert Studierenden und Lehrenden sprach, noch nicht so richtig angekommen. Bruce Thyer von der Florida-State-University, zurzeit Gastprofessor an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, ergänzte, dass oft fälschlicherweise behauptet werde, evidenzbasiertes Arbeiten schreibe den Sozialarbeitern vor, ausschließlich in wissenschaftlichen Tests bewährte Verfahren anzuwenden. Vielmehr komme es bei der Evidenzbasierung auf das Abwägen der Werte des Klienten, der Einschätzung des Sozialarbeiters und der vorliegenden Belege an: Nicht immer sei das wissenschaftlich fundierte Standardverfahren die richtige Wahl. Fatal für den Klienten sei es allerdings, wenn die Fachkraft sich bei ihren Entscheidungen allein auf ihre Intuition berufe und wissenschaftliche Befunde ignoriere. Oft geschehe es, so Christoph Bördlein (FHWS), weil die Praktiker glaubten, evidenzbasiertes Arbeiten sei ein zeitaufwändiges oder nur für die Medizin angemessenes Verfahren. Zudem, so Isabel Hofmann und Mathias Blanz (beide FHWS), seien die wissenschaftlich fundierten Verfahren den Praktikern der Sozialen Arbeit, die im Rahmen ihrer Masterarbeit von Isabel Hofmann befragt wurden, oft gar nicht bekannt. Ein ähnlich ungünstiges Bild zeichnete Sigrid James von der Universität Kassel: Alleine der Begriff „Evidenzbasierung“ führe bei Sozialarbeitern oft zu einer unreflektierten Abwehrhaltung.

Die Vortragenden waren sich einig, dass sich die Forderung an die Soziale Arbeit, künftig ihr Handeln zu begründen und dabei auf qualitativ hochwertige wissenschaftliche Befunde Bezug zu nehmen, über kurz oder lang durchsetzen werde. Bis dahin sei noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten und besonders, wie dies in Würzburg schon der Fall sei, in der Ausbildung der angehenden Sozialarbeiter stärker das empirisch-wissenschaftliche Arbeiten zu berücksichtigen.